Peter Thomzig

Dem Leben rang er jeden Atemzug ab. Es ist nicht lange her, da erinnerte sich Peter Thomzig noch daran, wie sein Vater (von Beruf Kaffeeröster und Lokomotivführer) mit ihm den Königsberger Zoo besuchte. Seine jüngere Schwester Gudrun und der ältere Bruder Reinhold waren auch dabei, vermutlich auch Mutter Margarete, die von klein auf gehörlos war. Die Idylle währte nicht lang. Der Krieg schlug zu und trennte manche für immer, andere auf unbestimmte Zeit. Peter überstand den strengen Winter von 1945/46 und die daher rührende Grippe, musste sich im Jahr darauf von der nicht mal 5 Jahre jungen Schwester Gudrun trennen. Sein großer Bruder Reinhold war in den Wirren verschollen, ebenso wie Werner, der Vater, der später für Tot erklärt wurde.


So war die Familie, auf Peter und Margarete geschrumpft, auf sich gestellt, erlebte die Zeit vor und bis zur Vertreibung aus dem ehemaligen Ostpreußen und landete nach einer Odyssee über das Lager im niedersächsischen Friedland, in der sächsischen Stadt Bischofswerda.


Dort begann ein neues Leben der beiden Vertriebenen, mit verspäteter Einschulung von Peter, der seine gehörlose Mutter meisterlich unterstützte. Er berichtete mal von einer Frau die für sie kochen sollte und deren stets angebranntes Gulasch er aus dem Fenster kippte. Da übernahm er das kochen lieber selbst, etwas was er auch später mit Leidenschaft beibehalten hat und ihn vom Beruf als Schiffskoch träumen ließ. Statt dessen ging er bei einen Bauern in die Lehre und machte seine Sache dort gut. Er fror im Winter in seiner Kammer, kuschelte mit dem Hofhund und war nach wie vor für seine Mutter da, die inzwischen wieder geheiratet und Geschwister geboren hatte.


Ohne es zu wissen, trat Peter 1956 zu einer weiteren, sein künftiges Leben bestimmenden Reise an. Mit dem Zug erreichte er die Kohlenpott-Stadt Herne am 30.12.1956. Es war der 15. Geburtstag seiner künftigen Ehefrau Sigrid, die ebenda mit ihrer großen Familie lebte. Aber sein Anlass war, dass seine Mutter und er in Herne den Rückkehrer Reinhold Thomzig, bei Onkel Gustav und Maria Schwarz, vermuteten. Der Bruder war bei litauischen Landwirten untergekommen und über den DRK-Suchdienst gefunden worden. Letztlich traf Reinhold erst später dort ein, jedoch erlebte Peter in dieser fremden Stadt eine Geborgenheit, von der er als Kind nur hätte träumen können. Aus dem Besuch wurde sein Neuanfang, mit Arbeit im Pütt, Motorradfahrten mit seinem Bruder und einem pulsierenden Leben, in dem auch sehr bald Sigrid Suckau zu seinem Lebens-Mittelpunkt wurde, deren Bruder Peter unter Tage kennengelernt hatte.


Im Jahr des Mauerbaues, wurde am 15. September 1961 geheiratet. Kerstin kam im August 1966 auf die Welt. Die Arbeitsstellen wechselten zum Hafen, dann zu Opel und schließlich zum Chemieriesen Bayer in Dormagen. Dadurch ergab sich der Umzug in diese Stadt am Rhein. Die Familie wuchs mit Peter René (1970) auf insgesamt vier heran und lebte ihr einfaches, glückliches und liebevolles Leben, mit allen was dazu gehörte. Urlaub im Bayrischen Wald und der, nun ehemaligen, DDR waren in dieser Zeit üblich. Vergessen dürfen auch die Gärten nicht sein, die bis in die 2000‘er hinein immer zur kleinen Oasen der Entspannung zählten.

Peter verdiente als Wechselschichtler nicht schlecht, hatte jedoch gelegentlich das Gefühl, nicht genug Zeit für seine Familie zu haben. (Ein Eindruck, den wir ihm in seinen letzten Tagen noch nehmen konnten.)


Die 1980er Jahre führten die Familie nach Köln-Worringen. Urlaube führten nun auch nach West-Berlin, wo Peters „Onkel Tom“ wohnte. Die Kinder beendeten ihre Schulen, fingen mit Ausbildung und Beruf an und für Peter kamen nun auch entfernte Reisen zusammen mit Sigrid an die Reihe. Sie flogen nach Portugal, lernten Jugoslawien kennen und lieben – erst recht als sie dieses Land mit dem Auto bereisten – und fanden stets Freunde und erweiterten gemeinsam ihren Horizont der Eindrücke und Erlebnisse. Als 1989 die Mauer fiel, war dies ein besonderer Moment für Peter. Erstmals konnte ihn auch seine Schwester Moni ohne Formalitäten besuchen. Die beiden hatten sich immer besonders herzlich verstanden, obwohl sie keine gemeinsamen Kindheitserinnerungen teilten. Moni war sowohl zur Feier der Silberhochzeit, als auch der Goldenen Hochzeit angereist.


Als 2000 die Rente bei Peter anklopfte, wohnte er mit seiner treuen Ehefrau Sigrid wieder in Dormagen. Die Kinder waren aus dem Haus, Kerstin sogar schon glücklich verheiratet - bei Peter René dauerte dies bis 2008. Feiern, besonders zu Geburtstagen, waren schöne Gelegenheiten um auch in größerer Runde zusammen zu sein. Ruhe gab Peter neben dem Garten auch sein Aquarium, zu dem er bereits in Herne eine besondere Leidenschaft entwickelt hatte. Im Wohnhaus machte er sich als gut gelaunter, freundlicher Hausmeister beliebt und hielt mit seiner Meinung dennoch nie hinter den Berg.


Krank war Peter Jürgen Thomzig so selten, dass sich die Familie kaum daran erinnern kann. Umso heftiger erwischte es Peter 2011, in dem Jahr in dem er 70 wurde und gemeinsam mit Sigrid die 50jährige Ehe feiern durfte. Im selben Monat stellte er sich den Torturen einer erfolgreichen Operation – es war Krebs an der Prostata festgestellt worden. Sein Zimmergenosse Chris Esser wurde zu seinem besten Freund und ebenso freundeten sich die Frauen an. Gemeinsame Urlaube in Österreich entwickelten sich daraus, sowie ein anhaltend verlässlicher und aufrichtiger Umgang.


Als im Dezember 2021 die Diagnose - Bauchspeicheldrüsenkrebs - zunächst angedeutet und dann am 3. Januar 2022 ausgesprochen wurde, kam dies wie aus heiteren Himmel. Der Kampf gegen diese fürchterliche Krankheit war aussichtslos, trotz aller verzweifelter Bemühungen und allem Wunschdenken und aller ausgesprochenen Hoffnungen. Dich leiden zu sehen, hat uns unsagbar wehgetan.


„Ich hatte ein gutes Leben“ – so hat es Peter selbst zusammengefasst. Er ist voller Dankbarkeit aus dem Leben geschieden und ohne jeden Groll seinen Mitmenschen gegenüber.


Du hattest das letzte Wort!